Faux pas

Tatort Thai-Restaurant. Letzte Woche war ich dort mit meinem ehemaligen Chef und irgendwie immer noch Mentor B.

Das Mittagsbuffet war mangels veganer Gerichte keine Option. Kein Problem, dann eben à la carte. Es ist ja fast nirgends leichter, etwas ohne Tier drin zu bestellen, als beim Asiaten.

Die Auswahl unter all den leckeren Alternativen fiel schwer. Schliesslich liess ich mich von meinem Appetit leiten und bestellte Pad Thai mit Tofu. Eine Viertelstunde später stand der üppige Teller vor mir und ich begann hungrig damit, ihn abzutragen.

Im Laufe der ersten paar Bissen fiel mir ein muffiger Geschmack auf. Und dann – Achtung schlechter Wortwitz – fiel es mir auch wie Schuppen von den Augen. Fischsauce.

Wie konnte ich das vergessen? Zumal ich zu Alles-Esser-Zeiten selber ab und an Pad Thai gekocht habe, also theoretisch um diese Zutat hätte wissen müssen. Dieses Information hatte es zum Zeitpunkt der Bestellung leider irgendwie nicht von meinem Unterbewusstsein ins Bewusstsein geschafft.

Vegan hin oder her: Das Essen zurückgehen lassen, nur damit es im Müll landet, war für mich keine Option. So wurde ich nicht erzogen. Abgesehen davon empfand ich zwar Ärger angesichts meiner eigenen Gedankenlosigkeit, aber keinen Ekel vor dem, was ich auf dem Teller hatte.

Diese blöde Begebenheit zeigte mir vor allem eins auf: Dass man in der heutigen Gesellschaft immer noch sehr aufmerksam sein muss, um nicht in die karnistische Falle zu tappen. Wenn man den Autopilot einschaltet, bekommt man mir nichts dir nichts ein „normales“ Essen mit Tier drin.

Dabei habe ich mir die meiste Zeit meines Lebens auch nichts gedacht. Oder wenn, dann den Gedanken schnell beiseite gewischt. Hätte mir vor nur einem Jahr jemand gesagt, dass mich die Tatsache, Fischsauce konsumiert zu haben, mehrere Tage lang beschäftigen würde … ich hätte es kaum für möglich gehalten.

Ich glaube, es geht dabei auch nicht um den Fisch, der dafür sterben musste, sondern eher um mein Selbstbild. Ich will nicht jemand sein, der einen Lebensstil propagiert und dann regelmässig Ausnahmen macht. Wobei es natürlich keine geplante Ausnahme war, sondern eben ein Faux Pas.

Allerdings und zugegeben ist „Faux pas“ ja auch die Mehrzahl. Gerade am Tag zuvor war mir nämlich schon einer passiert, als ich für eine Freundin und mich Knoblauchbrot als Vorspeise bestellt hatte.

Erst als ich auf den Teller mit den fetttriefenden Brotscheiben starrte, fiel mir ein, dass da zwischen dem Knoblauch und dem Brot noch eine böse Zutat sein musste. Butter.

Mit sehr geringfügiger geistiger Anstrengung hätte ich vorgängig darauf kommen können.

Zu meiner Verteidigung kann ich nur vorbringen, dass ich das einfach nicht auf dem Schirm hatte, weil ich – selbst zu Allesesser-Zeiten – nie irgendwas mit Butter bestrichen, gekocht, gebraten oder sonstwie verseucht habe. Butter hat einfach nie auf meinen Speiseplan gehört und wurde immer mit der fettärmsten Margarine ersetzt.

In Schweizer Bergbeizen machen die das offenbar nicht.

Die Knoblauchbrote musste meine nicht-vegane Freundin allein essen.

Bleibt noch die Frage, warum ich das Pad Thai trotz Fischsauce gegessen habe, die Butterbrötchen aber nicht.

Wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, hing das vielleicht ein bisschen von meinem Gegenüber ab. B. Ist für mich irgendwie ein Vorbild in Sachen Umgang mit Fehlern. Er kann sie mit einem Schulterzucken abhaken, während ich mich noch viel zu oft, vom Perfektionismus getrieben, selber verurteile.

Seine Gegenwart half mir wohl irgendwie, mich nicht selber fertigzumachen, also nicht gegen den Feind Perfektionismus zu verlieren.

Und mit meiner Freundin? Schwierig.

Sie akzeptiert meine Lebenseinstellung, meine ich, lediglich um unserer Freundschaft willen, ohne sie jedoch in irgendeiner Weise gutzuheissen. (Trotzdem kocht sie wenn ich sie besuche vegan für uns beide und das rechne ich ihr hoch an)

Meine vegane Lebensweise ist ein Fakt, den sie schlichtweg hinnehmen muss, genauso wie ich ihre Weigerung hinnehmen muss, sich für die Realität der Tierindustrie zu öffnen.

Wir hatten diesbezüglich vor knapp einem Jahr eine unrühmliche Diskussion und seitdem wird das heikle Thema – in beiderseitigem stillschweigendem Einvernehmen – gemieden.

Da wir nicht darüber reden, ist das Einzige, was mir bleibt, um meinen Standpunkt zu vertreten die Tat. Deshalb gab es dann eben doch keine Knoblauchbrötchen für mich.

Und der Vollständigkeit halber will ich erwähnen, dass meine Freundin meinen Bestell-Faux-Pas ganz nonchalant ignoriert hat. Ich war ihr dankbar dafür, denn jemand mit weniger Feingefühl hätte sich auch genauso gut lustig machen können über die Veganerin, die versehentlich einen Buttersee bestellt.

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